In Technikgeschichte

Im Maybach-Motorenbau war man sich schnell bewusst, dass man sich bei der Anwendung eines neuen schnelllaufenden Diesels auf der Schiene sich nicht mit halben Sachen zufrieden geben sollte. So kam es zu einer weiteren Pioniertat: Statt „nur“ den Motor zu liefern, wollte Maybach einen Triebwagen konzipieren, bei dem alle Komponenten das Ergebnis einer konzertierten Zusammenarbeit zwischen Motorenhersteller und einem Zug-Fabrikanten waren – eine in dieser Intensität damals absolut außergewöhnliche Form der Kooperation.

Bereits 1922, also noch zwei Jahre vor Vollendung des G 4-Motors, wurden die Verträge mit der Waggonfabrik Wismar der Eisenbahn Verkehrsmittel AG Berlin, kurz: E.V.A, unterzeichnet. Die E.V.A. übernahmen die Konstruktion des Fahrgestells und des Wagens, während Maybach neben dem Motor auch das Getriebe entwickelte.

Dies hing auch mit den neuen Anforderungen zusammen, die der Einsatz eines Dieselmotors an das Konzept des Triebwagens stellte. Bei einer Dampflokomotive wird das Leistungsprofil mit einer Betonung auf Zugkraft oder Geschwindigkeit bereits in der Konstruktion durch die Anzahl (mehr Räder mit geringerem Durchmesser = höhere Zugkraft) und Größe (größere Räder = höhere Maximalgeschwindigkeit) der angetriebenen Räder definiert. Die Geschwindigkeit wird über die Menge an Dampf geregelt, welche in die Zylinder gegeben wird. Anders ein Dieselmotor: Er benötigt ein Getriebe, um die Leistung des Motors optimal auf die Schiene zu bringen. Maybachs Antwort auf diese Herausforderung trug den Namen T1: ein komplett eigenständig konzipiertes Viergang-Getriebe.

Bereits im Frühjahr 1924 wurden Motor und Getriebe in Friedrichshafen in den Triebwagen eingebaut – im Eisenbahnerjargon auch als Hochzeit bezeichnet.

Die anschließenden Versuchsfahrten im Hinterland des Bodensees hatten allerdings nichts von Flitterwochen. „Für uns war es eine mühevolle Probiererei, bis man sich erlauben konnte, die Gleise des Betriebsgeländes zu verlassen“, erinnerte sich Maybach-Mitarbeiter Richard Lang später, „und wir mussten hin und wieder die Geduld des reisenden Publikums in Anspruch nehmen.“

Und doch war der E.V.A.-Maybach Triebwagen, auch Rohöltriebwagen genannt, eine der Attraktionen auf der Internationalen Eisenbahntechnischen Ausstellung in Seddin , an der im September bis Oktober 1924 5.000 Bahnexperten aus aller Welt teilnahmen. Insbesondere das gute Masse-Leistungs-Verhältnis des Motors von 8 kg/ PS stieß in der Fachwelt auf positive Resonanz. Einen weniger glänzenden Auftritt hatte der Wagen allerdings bei einer Testfahrt im Anschluss an die Ausstellung, ausgerechnet mit einer hochrangigen Delegation der Reichsbahn. Ein schwerer Motordefekt setzte der Fahrt nach wenigen Kilometern ein Ende. „Die Stimmung der zum größten Teil ohnedies den Triebwagen gegenüber noch sehr kritisch eingestellten Herren wurde dadurch nicht gehoben, dass die ganze Gesellschaft in strömendem Regen auf der Bahnstrecke zu Fuß zur nächsten Station gehen musste“, berichtete Richard Lang.

Trotz dieser Panne gliederte die Reichsbahn den Triebwagen unter der Nummer VT 851 ein, der wenig später gebaute weitere Prototyp VT 852 verfügte unter anderem über den leistungsgesteigerten G 4b-Motor. In der Folge kamen insgesamt 15 Triebwagen mit den Kennungen VT 853–861 und VT 866–871 zum Einsatz – zunächst nur auf einigen wenigen Strecken. Doch bei Maybach glaubte man an das Potential des neuen Motorentyps, und diese Beharrlichkeit sollte sich in den folgenden Jahren auszeichnen.

Quellen:

Quelle und auch ein wichtiger Lektüretipp zum Weiterlesen: Wilhelm Treue, Stefan Zima: Hochleistungsmotoren. VDI Verlag: Düsseldorf, 1992. Das Buch ist antiquarisch erhältlich. Wir weisen gerne darauf hin, dass eine erweiterte Neuauflage des Buches geplant ist.

Heinz R. Kurz: Die Triebwagen der Reichsbahn-Bauarten. EK-Verlag, Freiburg 1988

Ein Motor Typ G 4b ist als Leihgabe der MTU Friedrichshafen GmbH im Foyer des Karl-Maybach-Gymnasiums in Friedrichshafen, am Eingang zum Cinéma, ausgestellt.

Fotos: MTU Friedrichshafen GmbH
1. Maybach Triebwagen-Getriebe Typ T 1 ab 1924
2. Maybach-Dieselmotor Typ G 4 in Drehgestell Triebwagen
3. Maybach E.V.A.-Triebwagen Anfahrversuche Aulendorf 1924  (und Banner)

 

 

 

 

 

Contact Us

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt